Die konsum- und subjektpolitische Pointe liegt in der ökonomischen Logik des Privatfernsehens: Aufmerksamkeit wird zur Ware, Zielgruppen werden zum Produkt. In diesem Kontext beobachtet die bpb zur Kommerzialisierung des Fernsehens explizit, dass die kommerziellen Programme ab 1984 auch Kindersendungen ausstrahlten, um Kinder als gegenwärtige und zukünftige Konsumenten zu gewinnen; zitiert wird die Diagnose „Das Kind als Kunde“. Damit verschiebt sich die Nachkriegsfigur der „konsumierenden Hausfrau“ in eine Familienökonomie, in der Kinder als eigenständige Zielgruppe (Markenbewusstsein, Begehrensökonomie) systematisch adressiert werden.
Gleichzeitig sind die achtziger Jahre eine Phase, in der einige „amerikanisch“ anmutende Konsumformen (Shopping-Center-Logik, Autoorientierung, Freizeitkonsum) in Westdeutschland weiter normalisiert wurden. Beispielhaft lässt sich das am Ruhrpark zeigen: Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe beschreibt den Ruhrpark (Eröffnung 1964) als nach US-amerikanischem Vorbild errichtetes Einkaufszentrum „auf der grünen Wiese“ und betont den Erfolg des Auto-Shoppings; das ist ein früher Fall, der in den folgenden Jahrzehnten zur Normalform wurde.
Ein instruktives Beispiel für ambivalente bzw. teilweise gescheiterte Eingriffe ist die frühe Digitalisierung des Konsums über Deutsche Bundespost: Bildschirmtext (BTX) wurde 1983 eingeführt, blieb aber nach gängigen Darstellungen u.a. wegen hoher Gebühren, restriktiver Endgerätepolitik und monopolistischer Zulassungslogik hinter den Erwartungen zurück. Konsumlenkung über Technik war also möglich, aber nicht automatisch erfolgreich; sie brauchte Akzeptanz, Preis-
/Zugangsmodelle und alltagstaugliche Geräte.
Die neunziger Jahre als Wiedervereinigungsschock, Konsumtransfer und Finanzialisierung
Die neunziger Jahre markieren zwei enorme Umstellungen: die Vereinigung und die Globalisierung europäischer Märkte. Für Ihr Thema ist besonders relevant, wie stark Konsum als Integrations- und Legitimitätsmedium fungierte. Die bpb-Darstellung zum Begrüßungsgeld (100 D‑Mark) rekonstruiert, dass hinter der Maßnahme auch eine politische Strategie stand, Ostbürger:innen materiell viel zu bieten, um den Wunsch nach westlichem Lebens- und Konsumniveau zu erleichtern. Hier wird Konsum nicht nur als Marktprozess, sondern als politisch-symbolische Brücke verhandelt (Währung, Waren, Zugehörigkeit).
Parallel wurde in den neunziger Jahren „Konsumregierung“ ökologisch-juristisch neu gerahmt. Die Verpackungsverordnung von 1991 wird in Bundestagsmaterialien als erste umfassende Regelung der (abfallwirtschaftlichen) Produktverantwortung in Deutschland beschrieben: Verantwortung für Entsorgung wird in Richtung Hersteller verschoben, und ein „Duales System“ (inkl. Kennzeichnung) etabliert sich. Das ist ein Eingriff, der zugleich Konsum ermöglicht (Verpackungsströme werden „verwaltbar“) und Konsum normiert (Trennen, Sammeln, Symbolpolitik des Recyclings).
Die gleiche Dekade bringt eine zweite, in Ihrer Perspektive sehr verwandte Umcodierung: Bürger:innen werden nicht nur als Käufer:innen, sondern als Anleger:innen adressiert. Der Börsengang der Deutsche Telekom im November 1996 ist dafür ein Schlüsselereignis: Das Bundesministerium der Finanzen dokumentiert die IPO als Kapitalerhöhung mit hunderten Millionen neu zugeteilten Aktien. Medienhistorisch wird der IPO weithin als massenmedial inszenierte „Volksaktie“ beschrieben; ein heise-Hintergrund nennt 1,9 Millionen Käufer:innen beim ersten Börsengang und betont die enorme öffentliche Werbewirkung.