Verteidigung durch Fleiß statt Blutzoll:
Skizze einer multiperspektivischen, sozial und ökologisch eingebetteten Sicherheitsökonomie für Europa
Abstract
Der gegenwärtige sicherheitspolitische Diskurs in Europa ist geprägt von einer doppelten Asymmetrie: militärisch-technologisch gegenüber autoritären Systemen sowie normativ gegenüber den eigenen politischen und sozialen Standards. In der öffentlichen Debatte werden Verteidigungsausgaben überwiegend eindimensional in Geld pro Waffensystem oder Geld pro „output“ (Granaten, Panzer, Flugzeuge) bilanziert. Diese Perspektive führt zu dem scheinbaren Paradox, dass autoritäre Systeme mit niedrigen Stückkosten als „effizienter“ erscheinen, während demokratische Gesellschaften bei höheren Kosten pro Einheit als strukturell benachteiligt gelten.
Der vorliegende Beitrag entwickelt demgegenüber den Entwurf einer multiperspektivischen Bilanzierung von Verteidigungsfähigkeit, die finanzielle, ökologische, soziale, wissensbezogene, institutionelle und psychosoziale Dimensionen systematisch einbezieht. Am Beispiel der Artilleriemunition und gepanzerter Systeme wird gezeigt, dass eine „teure“ Sicherheitsökonomie, die konsequent auf Rechtsstaatlichkeit, Arbeitsrechte, Umweltstandards und Qualifikation baut, nicht nur normativ konsistent, sondern langfristig strategisch überlegen sein kann. Verteidigung wird in diesem Rahmen primär als organisierte, hochqualifizierte zivilisatorische Infrastruktur verstanden, deren Normalfunktion in Übung, Ausbildung, Resilienzaufbau, Katastrophenhilfe und Daseinsvorsorge liegt, während Gewaltanwendung der eng begrenzte Ausnahmefall bleibt.
Diese Verschiebung erlaubt es, demokratische Verteidigungsfähigkeit nicht über Preisvorteile, sondern über Tiefenqualität und gesellschaftliche Einbettung zu legitimieren. „Verteidigung durch Fleiß statt Blutzoll“ bezeichnet dabei die Priorisierung von Wissen, Organisation und Ausbildung vor dem Einsatz von Menschenleben als strategischer Ressource.
1. Problemstellung: Asymmetrie und Fehlbilanzierung
Die sicherheitspolitische Lage Europas ist durch mehrere ineinandergreifende Spannungen gekennzeichnet. Einerseits ist Europa ökonomisch stark, verfügt über einen hohen Bildungsstand, entwickelte Industrie- und Forschungsstrukturen sowie institutionell verankerte rechtsstaatliche und soziale Standards. Andererseits ist der Kontinent militärisch in wesentlichen Bereichen von den Vereinigten Staaten und wenigen weiteren Partnern abhängig. Die Produktionskapazitäten für Munition und Gerät wurden über Jahrzehnte reduziert, Fähigkeiten ausgelagert und sicherheitspolitische Verantwortung teilweise externalisiert.
In der aktuellen Debatte wird diese Diskrepanz meist in zwei verkürzten Figuren verhandelt:
Kostenfigur:
Europäische Systeme seien „zu teuer“, europäische Rüstungsprojekte „ineffizient“, die Ausgabensteigerungen „belastend“ für Haushalte und Gesellschaften. Dem wird die scheinbar kostengünstige Produktion in autoritären Staaten gegenübergestellt, die mit niedrigeren Löhnen, geringeren Umweltstandards und Zwangsarbeit operieren können.
Effizienzfigur:
Autoritäre Systeme erscheinen als „handlungsfähiger“, weil sie schneller entscheiden, Ressourcen direkter mobilisieren und gesellschaftliche Widerstände leichter unterdrücken. Demokratien gelten als „langsam“, „verfahren“ und intern blockiert.
Beiden Figuren ist gemeinsam, dass sie auf einer eindimensionalen Bilanzierung beruhen: Verteidigung wird primär in Geldeinheiten und kurzfristigen Outputgrößen gemessen. Externe Kosten und langfristige Effekte – sowohl auf Umwelt als auch auf Gesellschaft, Institutionen und Wissensbasis – bleiben weitgehend unberücksichtigt.
Der zentrale Vorschlag dieses Beitrags lautet:
Die vermeintliche Überlegenheit autoritärer Kriegsökonomien ist ein Artefakt eindimensionaler Bilanzierung. Sobald eine Gesellschaft ihre Sicherheitsökonomie multiperspektivisch bilanziert, erweisen sich demokratische Systeme als strukturell überlegen – vorausgesetzt, sie nutzen ihre eigenen Potenziale konsequent.
VEGAN an der Ruhr-Universität Bochum